Sinistra hob den Blick etwas und verschränkte die Arme vor der Brust. Was bildete sich dieser Mensch überhaupt ein?
“Offensichtlich müsst Ihr noch viel lernen Lyar. So erfahren wie Ihr zu glauben scheint, seid ihr noch lange nicht, den sonst wüsstet ihr, dass Worte, unbedacht gesprochen, und sei es auch im Glauben, dass die Person, der sie gelten, nicht anwesend ist, schneiden tiefer als jede noch so gut geschliffene Klinge es könnte. Nicht, dass ich mich durch Eure Worte beleidigt fühle. Ganz im Gegeteil, es bestätigt nur meine Meinung, die ich mir über Euch in den letzten Tagen gebildet habe, allerdings wisst Ihr nie, ob sich eine Person nicht tatsächlich einmal dadurch beleidigt fühlen könnte.” Sinistra stieg zwei Stufen hinab, so dass sie die Hand auf seine Schulter legen konnte. Weit bücken musste sie sich nicht, um ihren Mund an sein Ohr zu legen: “Und ihr wärd sicher nicht der erste, der wegen einem unbedachten Wort sein Leben lassen müsste.” ihre Stimme war nicht mehr als ein tonloser, zischender Laut uns Sinistra fühlte unter ihrer Hand genau wie er erschauderte. Feine Muskelzuckungen, die er vielleicht selbst nicht einmal wahr nahm. Geschürte, vielleicht unbewusste, Angst.
Selbst wenn Lyar sich ihr nicht einmal bewusst sein würde, so würde sie ihn doch lähmen und Sinistra richtete sich, mit sich selbst zufrieden, wieder auf. Natürlich hatte sie nicht vor ihren Worten Taten folgen zu lassen. Nichts lag ihr ferner, hatte sie sich doch mit den Jahren an das einfache Gemüt der Menschen gewöhnt, doch manchmal, in Augenblicken wie diesen, bereitete es ihr eine merkwürdige Form von Befriedigung mit den menschlichen Gefühlen zu spielen. Sei es nun mit Leidenschaft, Wut, oder Angst… Gerade diese Extreme ließen sich äußerst leicht beeinflussen und Siistra war immer wieder fasziniert davon, auch wenn sie viele der anderen Gefühle, welche es gab immer noch nicht verstand. Liebe zum Beispiel… In all ihren Facetten. Seufzend überwand sie die letzten Stufen nach unten und zog sich am Ende der Treppe die weichen Rauhlederstiefel von den Füßen. Sobald sie auf die Wiese trat, konnte sie die kühle Feuchtigkeit an den Fußsohlen spüren und nur wenige Augenblicke später war der Saum ihres Rockes feucht. Liebe… Ja, sie hatte sie einmal gespührt und bei diesem Gedanken wurde sie wehmütig. Nie wieder würde sie sich auf diese Art und Weise mit einem Menschen oder einem anderen Wesen einlassen. Viel zu sehr schmerzte der Verlust. Viel zu groß war die Trauer darüber seinen Gefährten gehen lassen zu müssen, in dem Wissen, dass es nicht nur ein böser Traum war, der einem des Nachts heimsuchte.
Im Schatten eines Baumes ließ die Drow sich nieder und sank zur Seite. Im Schlaf hatten sie Visionen übermannt, über welche sie nachdenken musste… Und dank dem was sie heute Nacht in Erfahrung gebracht hatte, schien das Bild sich langsam zusammen zu setzen. Allerdings würde sie heute die Bibliothek von Smaran aufsuchen müssen. Ein Gedanke, der ihr Unbehagen bereitete, denn bisher hatte sie sich davor gehütet einen Fuß in die Stadt zu setzen. Es gab dort zu viele Menschen, die nichts von ihrer Existenz, geschweige denn von ihren Beweggründen wussten, weshalb ihr nichs anderes übrig bleiben würde, als jemanden zu bitten, sie zu begleiten, was in jedem Fall das kleinere Übel darstellte, auch wenn es ihr lieber gewesen wäre alleine zu sein. Aber vielleicht konnte sich Begleitung auch als nützlich heraus stellen. Immerhin kannte Sinistra die Bibliothek nicht und wer wusste denn schon wie lange sie sonst brauchen würde um die Texte zu finden, die sie suchte?
Schwungvoll erhob sie sich. Ihre gesamte rechte Körperhälfte war nass von der Wiese und auch ein Teil ihrer Haare klebte feucht in ihrem Gesicht, als sie, festen Schrittes, zurück zum Haus ging, wo Dalen immer noch oben an der Treppe stand und in die Ferne zu blicken schien: “Mein Freund…” sprach Sinistra ihn an: “Euer Gefühl scheint sich zu bewahrheiten. Ich würde gerne nach dem Mittagessen die Bibliothek besuchen, doch scheue ich mich davor alleine in die Stadt hinab zu gehen.”
Dalens Blick richtete sich auf Sinistra und er schien sie forschend anzusehen: “Das verüble ich dir nicht. Ich denke Lyar wird dich begleiten.”
Sinistra zog die Augenbrauen hoch: “Aber…” setzte sie schon zum Protest an.
“Du sagtest er beurteilt Bücher nur nach dem Einband. Wo wäre ein besserer Ort ihn dahingehed zu belehren als in einer Bücherei?” Die Worte klangen amüsiert, fast schon spottend und Sinistra war sich nicht sicher ob die Häme ihr oder seinem Sohn gelten sollten. Sie atmete tief durch, nickte aber dann: “Wenn du denkst, dass das richtig ist…”